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die Insel

die Insel

U n s e r e  Insel! Sie gehört zu Bacharach wie der Rhein und der Wein. Wir kommen zwar so gut wie nie dort hin, zetteln aber jede Meuterei an, sollte jemand wagen, uns die Insel weg zu nehmen. 

Sie heißt “Heylessen Werth” und wir sind stolz darauf, dass sie so erheblich anders ist als jede andere Insel im Rhein.

 

Huch – ein Insel-Haus!

Auf ihrer Südspitze hält sich im Busch- und Baum-Dickicht ein Haus versteckt! Oder sind es zwei? Bleiben wir bei dem einen: Nur auserwählte Kreise kennen es von innen und auch nur wer bei guter Sehkraft ist von außen, weil es kaum zu orten ist im Blätterwald von Weiden, Eichen und Kastanien.

 

kaum zu sehen: das rote Ziegeldach des Insel-Hauses

 

Es steht abseits lärmender Besucherströme, einsam wie der Mond am Himmel in einer fernen, stillen Welt und scheint sich keinen Deut darum zu scheren, ob die Übernachtungszahlen im Tourismus vor- oder rückläufig sind. Wenn da nicht jenes Dach aus karminroten Ziegeln wäre. Das blitzt unverhofft aus dem Insel-Wald und wirft die brennende Frage auf:

Wohnt dort jemand?

Nun könnte man ja den Weingutsbesitzer Friedrich Bastian bitten, dem Mann gehört das Eiland, er möge das Rätsel um das Insel-Haus lüften, nachdem es seit vielen Jahren so geheimniskrämerisch unbewohnt scheint. Niemand geht rein, kein Mensch kommt raus. Aus dem Kamin steigt kein Wölkchen Rauch auf, und die toten Fensterhöhlen starren schwarz ins Ungewisse wie die Löcher hohler Astgabeln.

 

begnadete Lage abseits lärmender Besucherströme visà-vis des uralten Leinpfads

 

Aber dann würde der Herr wahrscheinlich zu einem Rapport über die einzigartigen Besonderheiten unserer Insel ausholen und alle wüssten ganz schnell alles. Wie unromantisch aufschlussreich. Dazu ist kein Insel-Haus auf der Welt.

Insel-Häuser sind zum Träumen da!

Insel-Häuser erzählen Geschichten. Insel-Häuser befeuern unsere Phantasie. Insel-Häuser sind auf der Welt, damit Menschen wie ich über sie schreiben, um möglichst viele andere Zeitgenossen, die noch gar nicht wissen, was ein Insel-Haus ist, neugierig auf ein Insel-Haus zu machen.

Es gibt so viele Inseln im Rhein, aber auf kaum einer davon steht ein Haus. Schon gar nicht eines, in dem einmal richtig gewohnt wurde wie in unserem Insel-Haus. Und das gar viele Jahre lang mit allem familiärem Drum und Dran.

Später allerdings nur noch sporadisch, dann überhaupt nicht mehr und das Insel-Haus verlor sein Strahlen. Es setzte eine gekränkte Fassade auf und seine Schönheit schmolz dahin. Einsamkeit macht hässlich, das weiß man doch.

 

lädt ein zum Träumen: die Insel im September-Gold

 

Und verwaistes Eigentum wirft Fragen auf. Beispielsweise diese: `Hat sich jetzt der Waschbär einquartiert im Insel-Haus? Oder ein vergrämter Sonderling auf der Flucht vor der aufgebrachten Welt von heute?`

 

am Ketzer-Ufer quakt die Ringelente

 

Oder ein alter Schlager klimpert aus dem Nebel der Erinnerung. Katharina Valente – wer kennt die noch? – hat einmal gesungen: „Eine Insel aus Träumen geboren“. Gemeint war allerdings Hawai als Ort der Sehnsucht. Heute weiß man aber, ewiges Nichtstun unter Palmen kann als Schuss nach hinten los gehen. Ganz zu schweigen von der galoppierenden Hautkrebsgefahr durch das Ozonloch.

So überwiegen denn auch praxisrelevante Fragen wie diese: `Wie wohl mag das Eiland beschaffen sein tief in seinem Innern rund ums Inselhaus? Verwildert wie ein Weinberg nach dem Vernichtungsfeldzug durch die Reblaus?

 

Treff für die “Rentner-Gang” mit Blick auf die Insel

 

Oder frisst sich Efeu durch die Totenstille menschenleerer Dämmerstuben und baumelt zu den Fenstern raus? Vielleicht hängt auch noch Treibgut des letzten Hochwassers zwischen Trauerweiden, Fliederbüschen und Platanen und verbarrikadiert den Weg durch …. ja durch was denn nun? Durch sprachlose Wildnis oder einen regionalen Garten Eden?`

Fragen, die vor allem die Rentner auf den Parkbänken an der Uferpromenade nicht zur Ruhe kommen lassen.

Diskusions-Stoff ohne Ende für die “Rentner-Gang”

Nach zehn, zwanzig Jahren stets derselben Hockerei an stets derselben Stelle, kann dem alternden Menschen schon mal der Gesprächsstoff flöten gehen. Immer nur viele Touristen, viele Schiffe, viele Möwen und viel Wasser – Überdruss macht schnell gereizt. Ein falsches Wort zu Diesem und eines zu wenig zu Jenem und die Konversation auf der Bank schmiert ab, der Rest des Tages ist gelaufen.

Wirft aber Jemand ein Reizwort in die Runde, das Anwesende außen vor lässt, etwa dieses: „Sieht aus wie`n Huhn in der Mauser, die Insel, was“?“, dann fährt Leben in die Sitzgemeinschaft, und es schlägt die Stunde unbegrenzter Zuständigkeit.

 

prächtige Kronen alter Weiden am Ufer gegenüber der Insel

 

Niemand weiß Genaues aber alles wissen alles …

Beispielsweise, dass demnächst auf Heleyssen Werth der gesamte Baumbestand gefällt wird. Oder dass die Insel an einen reichen Ami verscherbelt werden soll, der die Gluthitze im mittleren Westen leid  hat.

Möglich auch, dass sich ein chinesischer Investor in das pitoreske Kleinod europäischer Kulturlandschaft verguckt hat  – und, und, und… alles schon mal da gewesen. Der Nachmittag jedenfalls füllt sich mit Leben und kurz vor Feierabend, wenn bereits die Kräfte schwinden, findet sogar, das erheitert immer zuverlässig, unser erstes Strandbad Eingang in die Diskussion.

Dieses hat freilich auch nichts mit dem Inselhaus gemein, aber irgendwie doch.

Im Ringel-Look ging`s ab ins Uferwasser

Besagte Freiluft-Oase nämlich stand einmal, es muss in den Zwanziger Jahren gewesen sein, gegenüber von „Heylessen Werth“ im tiefen Uferwasser und war aus heutiger Sicht ein Kuriosum par excellence. Es rekrutierte sich aus einer schwimmenden Umkleidekabine mit einem in der Brandung dümpelnden, von dicken Eichenbalken eingegrenzten Nass-Bereich.

 

früher Strandbad: heute Spielplatz zum Flippern, Brücken bauen, Muscheln sammeln für die Kids

 

Der aber war für ausladende Schwimmbewegungen erheblich zu klein, weshalb sich die in den knielangen Ringellook der Jahrhundertwende gezwängten Badegäste dort lediglich hinein stellten und einträchtig parlavernd den Allerwertesten wässerten. Was für`n Schtückelsche!

der Tag war gut, weil es die Insel gibt!

Schließlich verschwindet die Sonne hinter den Zinnen von Burg Stahleck und vom Rhein her zieht`s empfindlich von unten in die Hosenbeine. Letzteres setzt das Signal zum Aufbruch für die Mannsgesellschaft.

Die trollt sich ab nach Hause, quer über den großen Parkplatz und zufrieden bis ins Mark, dieweil rechter Hand die Insel im Dunst der Abenddämmerung verschwindet. Die Insel? Mit der war doch ebbes? Ach ja: die Bäum und de Amie und die Hitz – geh fort, is doch nit unser Bier – tschüs Egon, Alfred, Heinerisch. Der Tag war gut, weil es die Insel gibt.

 

inselschiff muenze hahn 110

macht auch Spaß: hinterm “Ketzer”weiter laufen bis zum “Hahn”

 

Aber auch Kinder-Träume leuchten auf

Ein Blick genügt auf das grüne Nilpferd, das im Wasser dümpelt, und die Kids starten im Geiste durch in die unerhörte Welt von Harry Potter.

Oder man operiert ganz weltnah am Objekt und nimmt kurzerhand Heylessen Werth in Besitz. Da werden Geheimgänge ins Erdreich getrieben, Bäume abgeholzt und Schutzhütten gezimmert, eimerweise wilde Kirschen vertilgt, und am Abend brennt das Lagerfeuer. In den Ruhepausen streckt man am Inselufer alle Viere von sich und tüftelt an geheimen Zukunftsplänen, die die Welt von heute auf den Kopf stellen.

 

geht auch: am alten Strandbad-Ufer Treibgut sammeln, Mantras formen

 

Man spielt mit den Fingern im weißen Schwemmsand, der sich zart anfühlt wie gestäubtes Engelshaar, träumt in den Himmel hinauf und hofft, dass im Leben alles gut wird, und die Menschheit nie mehr Krieg macht.

Durchaus nachvollziehbar, denn das Leben auf einer Insel im Rhein lockt mit vollkommener Gefahrenlosigkeit. Ist es doch entrümpelt von allen möglichen und unmöglichen Widrigkeiten, die eine Insel im Pazifik erst gefährlich machen.

Das Risiko, dass ein Mensch die innere Balance verliert, wenn er in der grandiosen Weite eines Weltenmeeres  auf einem Pups von Eiland Wurzeln schlägt, hat bereits die Literatur erkannt. Die Südsee-Geschichten von Somerset Maugham singen ein schwarzes Lied von verlorenen Festland-Seelen, welche die furchterregende Distanz ihrer Insel zum nächsten Kontinent um den Verstand gebracht hat.

 

vertraute Ufer-Nähe, Kieselsteine, Wellenflüstern …

 

Wie von Herzen unbeschwert dagegen könnte man sich auf einer Insel im Rhein die Zeit vergolden: im Schatten alter Bäume, zwischen Niederwild und Vogelzwitschern, Tage lang, Monate lang, umarmt vom Flusswind und gurgelndem Wasser, vom Schrei der Möwen und dem Flüstern im Blättermeer von Buchen und Kastanien.

Das rettende Ufer schwappt in greifbarer Nähe mit einem Lächeln der Barmherzigkeit über die vertrauten Kieselsteine, und die himmelweite Stille auf dem Strom der Ströme befeuert die berückende Vision, zwischen Heylessen Werth und dem Festland dehne sich ein Weltenmeer. Alles schon gehört – doch nix für ungut:

die Insel ist ein Weinberg!

Jetzt isses raus.

Ihr struppiger Laubwald hütet eine der bedeutendsten Riesling-Weinlagen Deutschlands. Ein Link*) im world-wide-web – so funktioniert das heute – gibt Antwort auf noch offene Fragen.

 

*) http://www.weingut-bastian-bacharach.de/weingut/

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