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Krawall-Besuch vom “Ballermann” (2005 in der “Münze”)

Krawall-Besuch vom “Ballermann” (2005 in der “Münze”)

Wer seinen Fuß in die voll besetzte Wohnbehaglichkeit der “Münze” setzt, wundert sich, dass trotz hautenger Platzverhältnisse kein lärmender Trubel aufkommt. Auch mag er sich kaum vorstellen, dass einmal neuzeitlicher Krawall-Tourismus die beschauliche Idylle torpedieren könnte. 

 

Erst recht nicht, wenn er durch die kleine Welt verschwenderisch plazierter Plauder-Ecken und verhuschten Dämmer-Nischen streift, die nach duldsam einträchtigem Miteinander ruft, weil Gast und Gästin sich dort eng zusammen rotten müssen, damit sie überhaupt mit Anstand sitzen können.

Und wo im Tonfall abgebrühter Weltenbummler, die nichts mehr schreckt, dem Besucher aus der rappelengen Nachbar-Nische auch noch anvertraut wird, dass man für das robuste Sitzerlebnis in einem Nachkriegs-Bummelzug sogar hundert Kilometer weit gefahren ist.

 

Geselligkeit auch im Freien vor der “Münze”

 

Aber so ist das. Alles was andernorts als zu gestrig und zu wenig komfortabel verteufelt wird, in „der Münze“ kann besagter „Mangel“ offenbar nicht komprimiert genug daher kommen.

Die Tische sind so niedrig wie das Mobilar von einem Zwergen-Haushalt und auf den ersten Blick schon gar kein Paradies für Gäste mit langen Beinen. Doch wer die Eloquenz auf bringt, und das sollte er!, sich mit eingezogenem Bauch schräg zur Tischplatte auf den Stuhl gleiten zu lassen, kommt gut klar mit den mittelalterlichen Höhenmaßen. Ein von mir in diesem Zusammenhang extrem geschätzter Platz befindet sich links neben dem Eingang zur Toilette

Hier lockt die Diplomaten-Ecke

 

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einmalig: die “Diplomaten-Ecke

 

Die entfesselte Kreativität, mit der hier eine puppenkleine Nische zur Sitzecke umfunktioniert wurde mittels einer Tischplatte, die aussieht wie ein Stück Holz, das jemand aus der historischen Wandvertäfelung geklappt hat, dieser kühne Umgang mit beengten Platzverhältnissen par excellence, zieht magisch an. Hier habe ich schon Gäste sitzen, besser gesagt: fest stecken sehen, die selbst Luxusunterkünfte meiden, weil die ihren Ansprüchen immer noch nicht genügen. Doch betreten sie „die Münze“, ist ihr Tag gelaufen, falls die „Diplomaten-Ecke“ besetzt ist.

auch das gibt`s: ein Jugendstil-Klo

 

hier geht`s zum “stillen Örtchen”

 

Zwei räumliche Attraktivitäten liegen mir besonders am Herzen: Das Jugenstil-Klo und die schüttere Wandbemalung links vom Eingang. Zuerst das Jugenstil-Klo: Es sieht immer noch aus wie vor mehr als sechzig Jahren, als ein berühmter Tenor namens Willi Schneider, wer kennt den noch?,  anstimmte: “Ich möchte nochmal zwanzig sein” und ganz Deutschland mit sang.

Seinerzeit haben alle Toiletten, die etwas auf sich hielten, über ein anheimelndes Entree mit verschleiert blickenden Intarsien aus Glas in der Tür verfügt, was dem Gast von Niveau das erhabene Gefühl vermittelte, er bewege sich bis in den letzten Winkel auf stilvollem Terrain.

 

im Jugendstil-Klo: verschleiert blickende Intarsien

 

Die Erneuerungswut der Nachkriegszeit indes hat auch vor der verschnörkelten Liebe zum Detail an althergebrachten Toiletten-Türen nicht Halt gemacht und manch historische Gaststube im Rheintal der Gewissheit eines echten Jugendstil-Klos beraubt. Gottseidank aber haben wir ja „die Münze“. Hier darf sie weiter leben.

Joseph von Eichendorff lässt grüßen

Zur Wandbemalung: man übersieht sie fast, so sehr verliert sich ihr Gruß aus der Vergangenheit im verrauchten Dunst der Patina. Die meisten Gäste verlassen deshalb die „Münze“, ohne die ergreifende Spekulation angedacht zu haben, dass hier ein weltberühmtes Gedicht von Joseph von Eichendorff, in Öl gebannt, an der Wand überlebt haben könnte. Es führt den Titel „Sehnsucht“, das Gedicht, und beschwört in herzberührenden Strophen das freie Glück vom Wandern in die Ferne.

 

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Joseph von Eichendorff lässt grüßen

 

immer noch: wandern in die Ferne:

 

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Wandersmann im Dunst der Patina

 

Und immer dann, wenn in „der Münze“ die Wirtin eine alte Shellak-Platte kreisen lässt und ein ebenso alter Willy Schneider singt: „Schütt die Sorgen in ein Gläschen Wein“, immer dann öffnet sich beim Gast einen Spalt weit das Herz für die Erinnerungsschätze der Vergangenheit. Dann, ja dann beginnt das morbide Farbenspiel an der Wand zu leuchten.

„Wohin wohl mag den Wandersmann dort auf dem Bild der Weg verschlagen haben in jener fernen Zeit“, mutmaßt der erweckte Gast sodann, und hebt an zu träumen: „Über die Rheinhöh durch den hohen Soon vielleicht auf dem Weg zu Brot und Arbeit in der nächsten Binger Schmiedewerkstatt?

 

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alte Träume hinter Butzenscheiben

 

Oder hinunter ins Rheintal ab aufs Schiff mit Fernziel Hamburg und von dort weg mit dem Riesenpott nach Übersee? Warum nicht? Ist doch damals der halbe Hunsrück nach Brasilien ausgewandert oder?, vor hundertfünzig Jahren, oder?

schließlich zeigt auch noch der Weingeist Wirkung

und eine Sehnsucht schlägt sich Bahn, die von ganz weit her rührt. Die erinnert sich, gehüllt in eine zarte Wolke Wehmut: „Welch herrlich klamme Zeiten waren das noch damals im Zeltlager am Volkenbacher Weiher mit Lagerfeuer und Erbsensuppe ohne Würstchen und die Herzen bis zum Rand gefüllt mit unerhörten Zukunftsplänen, die die Welt erneuern. Alles wollten wir anders machen damals, alles, sind aber nur durch gestartet bis zum Eigenheim und haben dann aufgehört. Himmel ist das Leben seltsam“.

Und dann ist der nächste halbe Schoppen fällig und noch einer und noch einer, bis „die Münze“ damit droht, sich im Kreis zu drehen und der Gast dezent das Weite sucht, weil ein altes Haus nun mal manierlich macht.

Besuch vom “Ballermann”

Bis in die neunziger Jahre spielte in „der Münze“ jeden Abend ein braver Hausgeist an der Hammondorgel auf. „Warum heute nicht mehr?“ Das ist eine gute Frage. Die Antwort darauf wirft ein schwarzes Licht auf das Urlaubsverhalten diverser Reise-Clübchen, die neuerdings im Rheintal „die Sau raus lassen“, weil sie das am „Ballermann“ so gelernt haben.

 

“die Sau raus lassen” in ehrwürdiger Kulisse einer mittelalterlichen Münzpräge-Anstalt

 

Der „Ballermann“ ist ein mallorckinischer Radau-Tempel an der Playa de Palma, wo deutsche Urlauber vergessen, wo sie her kommen. Dieser Ort des Schreckens hat nach Aussage von Wirt Corneli „deutschlandweit die Kundschaft verkorkst“ und schließlich mit einer Abordnung wilder Weiber auch Bacharach heimgesucht.

 

durchgedreht im “Schoppe-Schtübsche”

 

Diese sei eines schwülen Sommernachmittages in Gestalt von einem Dutzend ballermannerprobter Damen in „die Münze“ eingefallen, soff Wein so flink wie Bier und war ruckzuck blau. Gegen zweiundzwanzig Uhr, der Corneli trat gerade mit zufriedenem Gesicht aus dem Jugenstil-Klo, traf den Mann beinah der Schlag. Zu Füssen der Hammondorgel hockten fünf kreischende Frauen auf den nicht zu fassend nackten Hintern

und ließen über den Köpfen an den Zeigefingern ihre Schlüpfer kreisen.

Der Mann am Piano, weiß wie die Wand über der Holzvertäfelung in seinem Rücken und am Rande einer Ohnmacht, klimperte mit spitzen Fingern tapfer weiter. Herr Corneli griff sich in die Haare, stürzte ans Telefon, rief seine Frau an und brüllte: „Das war der letzte Abend mit Musik!“ Seither spielt in „der Münze“ nur noch der Südwestfunk auf.

Bisweilen aber, wenn Wirt und Wirtin in lieblichen Erinnerungen schwelgen, finden auf rätselhafte Weise wieder die schweren, schwarzen Schellakplatten den Weg aufs alte Grammophon. Dann wehen Melodien aus vergilbten Zeiten über die Tische aus massivem Eichenholz. Weisen zart wie Zuckerwatte, die von verträumten Jahren leiser Töne schwärmen, da in Bacharach das erste Weinlesefest am Rhein aus der Taufe gehoben wurde und alle Welt noch wusste, wer die Loreley ist.

 

 

Und da Herr Böß, Hausbesitzer und Empfangschef, mit seiner unerreichten Ausstrahlung den Eingang zur „Münze“ mit dem Glanz einer Verheißung füllte, die rein gefühlsmäßig folgendes verkündet haben könnte: „Werte Gäste, in meinem Rücken erwartet sie das Paradies“. Klingt gut, oder?

 

 

 

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