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Morgen-Gruß aus dem “Malerwinkel”

Morgen-Gruß aus dem “Malerwinkel”

Fast vergessen aber heute Morgen unverhofft wieder entdeckt: In diesem handtuchschmalen Kuschelnest von Haus hat einmal meine Tante Anna gewohnt! Das liegt verwirrend lang zurück, lockt aber köstliche Erinnerungen aus dem Tiefschlaf: Tante Anna war die Cousine meiner Oma und die bessere Hälfte von Onkel Heiner, einem amtlichen vereidigten Wiegemeister, dem die Bacharacher den Namen „Blechbuckel” verpasst hatten. Der war stadtbekannt wie eine bunte Kuh, der Held  m e i n e r  persönlichen Erinnerungen aber ist der Blumenkasten von Tante Annas Fensterbank. 

 

 

 

Mein Lieblingsplatz war der am Fenster (unten)

mit Blick auf den Münz-Bach, und gerade eben  hat mir die neue Haus-Besizerin verraten, dass es sich bei dem kleinen Blumenkasten dort immer noch um dasselbe Exemplar handelt, das vor über siebzig Jahren Stellung auf der Fensterbank bezogen hat. Es muss noch meine DNA gespeichert haben!

 

um den geht´s: Blumenkasten auf dem Fensterbrett

 

Man fragt sich, wie ein wackeliger Vorkriegs-Blumenkasten Bombennächte, Fliegeralarm, Währungsreform und unsere lärmende Stadterneuerung in den Achtzigern so glücklich überleben konnte. Aber er ist immer noch da, kaum größer als ein Schuhkarton – und längst Zeitzeuge!

Die Duftwolken jedenfalls können nicht unbemerkt an ihm vorbei gezogen sein, als vor Einführung der Kanalisation die Abwässer der Malerwinkler noch durch simple Löcher an den Häuserwänden „runner in die Bach“ gelaufen sind.

Entgangen sein kann ihm auch nicht die tournusmäßige Auferstehung des Münzbachs als blitzsauberes Fließgewässer, wenn in Steeg mal vorübergehend nicht mehr  „in die Bach gesch…..“ wurde, weil die Bacharacher mit der Brauerei von Bier beschäftigt waren.

 

Idylle unterm Fensterbrett: “Bach-Brückelsche”. Am Geländer habe ich mein “Knierädsche” gedreht!

 

Seine Latten aus unsterblichem Holz müssen auch die Erinnerung an die Box-Abteilung des Bacharacher Turn- und Sportvereins gespeichert haben. Ende der vierziger Jahre hatten die Faustkämpfer ihren Ring auf der Wiese vor der Pension Malerwinkel aufgebaut und dort so verbissen trainiert, dass ihre Handvoll bis dahin unbekannter Kämpfer vor dem Herrn mit spektakulären Siegen quer durch Deutschland für Furore sorgen konnte. Ich war dabei mit meiner Mutter. Wir reisten mit als treue Fans von Stadt zu Stadt.

 

Trainings-Stätte der Bacharacher Boxer vor der Pension Malerwinkel

 

Aus gutem Grund, denn der Blumenkasten wird ebenfalls bezeugen, dass der Trainer der Erfolgsmannschaft von anno dazumal mein Vater war *). Und dass mir Winzling einmal speiübel wurde, als einer meiner Helden nach einem linken Haken wie eine gefällte Tanne vor der Pension Malerwinkel ruhmlos auf die Bretter ging. Von Tante Anna gab´s hinterher einen Apfel, der damals noch ein kleines Kinderherz getröstet hat.

 

*) Quelle Box-Staffel: Jubiläumsheft des Bacharacher Turn- und Sportvereins

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